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Aus dem Nichts | Unbarmherzig gutes Kino

Aus dem Nichts Filmposter

Aus dem Nichts | Warner Bros.

Dieser Film läuft schon so lange in den Kinos, dass ich ihn wohl kaum noch als „aktuell“ anpreisen könnte. Und dennoch ist es mir ein Bedürfnis, euch Fatih Akins Werk „Aus dem Nichts“ hier vorzustellen. Auch wenn der Film bei den Oscars, anders als bei Golden Globes, leer ausgehen wird: Einen Blick ist er definitiv wert.

In „Aus dem Nichts“ begleiten wir als Zuschauer die von Diane Kruger gespielte Katja. Sie verliert bei einem Nagelbomben-Attentat in Hamburg ihren Mann und ihren Sohn. Schnell stellt sich heraus, dass der Angriff einen rechtsextremen Hintergrund hatte. Der Film ist Melodram, Gerichtsfilm und Thriller in einem und wurde durch die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) inspiriert.

Aus dem Nichts: Trailer

Darum geht es in Aus dem Nichts

Inhaltlich gliedert sich „Aus dem Nichts“ in drei Teile. Im ersten Teil geht es um die Zeit direkt nach dem Anschlag. Wir erleben, wie sich Polizei und Familie Katja gegenüber verhalten und wie sie selbst mit dieser Tragödie umgeht. Dieser Teil ist unfassbar intensiv, berührend, schockierend. Katjas und Nuris Geschichte entfaltet sich nach und nach vor unseren Augen und macht uns damit klar, welchen Verlust Katja zu verarbeiten hat.

Im zweiten Teil geht es um die Gerichtsverhandlung. Die Spannungskurve steigt und als Zuschauer sitzt man im Kinosessel ähnlich wie Katja im Gerichtssaal: Man muss sich zusammenreißen, obwohl man doch eigentlich ausrasten möchte, all die Ungerechtigkeit herausschreien, all die Emotionen rauslassen will. Auf der einen Seite folgen wir der authentischen Verhandlung, Experten erzählen mit Fachbegriffen, was passiert ist, wie sich die Bombe zusammen gesetzt hat und welche Folgen das für Nuri und den kleinen Rocco hatte – das alles ist sehr nüchtern, professionell, objektiv gehalten. Gleichzeitig leiden wir noch immer mit Katja, die den vermeintlichen Mördern ihrer Familie in die Augen sehen muss, sich selbst rechtfertigen muss, die Äußerungen der Verteidigung ertragen muss.

Der letzte Teil befasst sich damit, wie Katja mit dem Urteil umgeht. Kann sie nach so einer Tat überhaupt in ein normales Leben zurückkehren? Was wird aus den Tätern? Wie definiert sich Gerechtigkeit, Schuld, Moral? Um nicht zu spoilern, möchte ich inhaltlich nicht zu sehr auf diesen Teil eingehen.

Die ersten zwei Drittel des Films waren für mich perfekt: intensiv, spannend, berührend. Unbarmherzig und schonungslos, beeindruckend. Die Handlung hat mich gepackt, die Charaktere haben mich gefangen genommen.

Leider hat mich Regisseur Fatih Akin im letzten Drittel ein kleines bisschen verloren, weil ich persönlich Katjas Handlungen nicht mehr nachvollziehen konnte. Aber wie sollte ich das auch können, schließlich habe ich nie etwas vergleichbares durchgemacht. Mein erster Gedanke nach dem Kinobesuch war, dass ich mir ein anderes Ende gewünscht hätte, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich: Welches Ende wäre „besser“ gewesen? Schlussendlich fügt sich so doch alles zu einem stimmigen Gesamtbild, das den Zuschauer nicht verschont, sondern bedrückt und nachdenklich zurücklässt.

Ist Diane Kruger wirklich so gut?

Diane Kruger wurde viel gelobt für ihre Darstellung in diesem Film. Und diesem Lob kann ich mich nur anschließen. Sie trägt diesen Film und das macht sie hervorragend. In jedem Blick, jeder Bewegung spiegeln sich die Emotionen ihrer Rolle, sie geht darin auf. Allein für ihre Darstellung ist es schade, dass der Film bei den Oscars nicht bedacht wurde.

Die Darstellung so mancher Nebencharaktere hat mir hingegen nicht so gut gefallen. Katjas Eltern und Schwiegereltern beispielsweise stehen symbolisch dafür, warum ich deutsche Filme in der Regel meide. Es wirkt aufgesetzt, und wenn man dann eben jemanden wie Diane Kruger neben sich hat, dann tut das doppelt weh.

Es ist aber nicht alles schlecht neben der Hauptdarstellerin. Besonders gut gefallen hat mir Denis Moschitto als Katjas Anwalt und Freund. Ebenfalls beeindruckend: Johannes Krisch als Verteidiger.

Mein Fazit

„Aus dem Nichts“ ist ein Film wie ein Mahnmal. Fatih Akin legt den Finger bewusst in eine Wunde der jüngsten deutschen Geschichte, die wehtut. Er setzt ein Zeichen gegen Rechts und zwar ohne den Tätern zu viel Raum zu geben. Stattdessen beleuchtet er die Opfer, denn nicht nur die Menschen, die bei einem Anschlag ums Leben kommen, verlieren ihr Leben. Er zeigt, was rechter Terror auslöst, er zeigt die Machtlosigkeit und die Ungerechtigkeit, die im Zusammenhang mit dem NSU in Deutschland herrschte. Der Film tut weh und ist genau deswegen so gut: Er bleibt im Kopf und regt zum Nachdenken an.

Gestartet ist „Aus dem Nichts“ in unseren Kinos bereits im November 2017. Leider lief er in den Kinos in meiner Umgebung schon bald nur noch um 22 Uhr oder später. Ich nutzte die Chance, als er letzte Woche um 20 Uhr gezeigt wurde, und empfehle euch: Wenn dieser Film bei euch noch läuft – vollkommen egal, zu welcher Uhrzeit – seht ihn euch an.

 

5 Kommentare

  1. Bore da, Katie.
    Ich denke das drastische Ende des Films bricht der engagierten Story insgesamt leider das Genick. Denn unsere Hauptfigur bedient sich just der selben Methodik der Täter – die Projektion von Hass.
    Für den Zuschauer enden hätte der Film damit können, dass sich die Täter, bei der Vorbereitung eines neuen Anschlags, aus Versehen selbst hochjagen. Katja hätte davon erfahren, wie von angesetzten neuen Untersuchungen, die Hintergründe & Netzwerke jetzt weiter aufdecken wollen.

    bonté

  2. Hey klasse, dass du ihn noch gesehen hast! Ich habe den letzten Jahr im Kino auch verpasst, weil er zu ähnlich sinnlosen Zeiten wie 22 Uhr lief. Aber nach der Verleihung der Golden Globes tauchte er nochmal im Spielplan auf und ich war sehr dankbar dafür. 🙂 Habe den außerdem sehr ähnlich empfunden wie du, nur dass ich die dritte Hälfte ein wenig nachvollziehen kann. Stattdessen hat mich das Gerichtsurteil fassungslos gemacht. Ist das realistisch??

    • Katie sagt

      Ich weiß leider nicht, ob das Gerichtsurteil realistisch ist, ich würde fast sagen Ja. Das hat mich natürlich auch vollkommen fassungslos gemacht 🙁

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