Was Matthew Vaughn zu einem guten Action-Regisseur macht

Regisseur Matthew Vaughn hat mit Kick-Ass und den Kingsman-Filmen in den letzten Jahren Actionfilme ins Kino gebracht, die zu Recht für Aufsehen sorgten und einen ganz eigenen Stil zeigten. Ich gebe unumwunden zu, dass ich nicht der größte Fan von Actionfilmen bin, schon gar nicht (bitte festhalten) der „Actionklassiker“ der 80er und 90er Jahren. Matthew Vaughn hat es allerdings geschafft, mich nicht nur für seine Filmen insgesamt, sondern insbesondere für die Actionszenen zu begeistern. Was Matthew Vaughn so besonders, und in meinen Augen besonders gut, macht, möchte ich hier einmal zusammenfassen.

Dieser Beitrag enthält Spoiler zu Kick-Ass und Kingsman: The Secret Service!

Was ist Action? Von Kontrolle und Chaos

Actionszenen bedeuten im Film eigentlich immer Chaos. Die Kontrolle geht verloren, Ereignisse überschlagen sich und das Tempo erhöht sich. Oftmals geht das Chaos innerhalb der Handlung auf Chaos in Regie, Schnitt und Kameraführung über – Michael Bay ist ein vielzitiertes Beispiel für eher schlecht gemachte, weil nicht durchdachte, Actionszenen.

In einer gutgemachten Actionszene behält der Regisseur die Kontrolle über das Chaos. So kann der Zuschauer noch immer der Handlung folgen und sich in den Protagonisten hineinversetzen kann. Die Action wird auf diese Weise spannend, denn wie soll ich mit einem Charakter mitfühlen, wenn ich aufgrund hektischer Schnitte und unruhiger Kameraführung nicht mehr erkenne, wer gerade wen angreift oder wer mit welcher Waffe kämpft?

Den Rhythmus finden: Musik in Vaughns Actionszenen

Matthew Vaughn kontrolliert seine Actionszenen, indem er sie perfekt choreographiert. Soundtrack, Schnitt und Kameraführung vereinen sich zu einem Rhythmus, der den Zuschauer abholt. Das Tempo wird immer nur so hoch, dass man problemlos folgen kann.

In Sachen Soundtrack setzten Vaughn und sein Team oft auf legendäre Songs, die eine Szene perfekt unterstützen. Aus Kick-Ass bleibt uns „Bad Reputation“ von Joan Jett im Ohr, nachdem sich Hit Girl ihren Weg freigekämpft hat. Bei der kultigen Church Scene aus Kingsman setzte Vaughn auf „Free Bird“ von Lynyrd Skynyrd. Wenn eigens Filmmusik für Actionsszenen komponiert wird (Hit Girls Kryptonite-Scene oder der Bar Fight in Kingsman), passt diese ebenfalls perfekt und fügt sich so ebenmäßig in die Szene, dass man sie sich nicht ohne Musik denken könnte – anders zum Beispiel als bei vielen Marvel-Filmen, die es versäumen, Musik als Element zu nutzen.

Entscheidend bei Matthew Vaughn: Der Point of View

Doch der Soundtrack allein macht natürlich noch keine gute Actionszene, auch wenn er die Cheoreographie unterstützt. Das entscheidende ist, dass Vaughn als Regisseur immer den Point of View beibehält. Er verliert niemals aus dem Fokus, welchen Charakter er in den Mittelpunkt rücken will – wessen Geschichte er erzählen will.

Beginnen wir mit der Church Scene aus Kingsman: The Secret Service. Harry Hart (Colin Firth) gerät hier in eine Kampfszene, die chaotisch und unübersichtlich ist. Das Besondere an der Szene ist, dass sie wirkt wie ein Single Shot. Tatsächlich wurde zwar mehrmals geschnitten, aber der Zuschauer merkt das nicht und fühlt sich so stets in der Mitte des Geschehens. Die Kamera bleibt an Harrys Seite und nicht nur das: sie bewegt sich synchron mit ihm.

Wenn Harry Hart auf Kirchenbänke steigt, steigen wir als Zuschauer mit; wenn er jemanden zu Boden reißt, fallen auch wir. Wir fühlen uns in Harry ein und somit auch in seinen Kampf. Wir erkennen die Gefahren in dem Moment, in dem er sie erkennt. Uns wird beim Schauen klar, welche Waffe er wie benutzt, wann er wen angreift oder abwehrt. Es gibt keine (sichtbaren) Schnitte, die irgendetwas verschlucken könnten oder die chaotische Szene noch unübersichtlicher machen würden.

Selbst wenn die Szene zu Eggsy oder Merlin springt, erleben diese den Kampf aus Harrys Sicht (durch dessen Brille), also aus der Egoperspektive.

Perspektiven unterstreichen Bewegungen und Handlungen

Diese Perspektive nutzte Vaughn auch schon in Kick-Ass, nämlich in Hits Girl „Kryptonite“-Szene. Der Point of View wechselt hier jedoch. Einmal sehen wir, durch das Nachtsichtgerät, genau das, was auch Hit Girl sieht. Dann wiederum lässt Vaughn uns wortwörtlich im Dunkeln, so wie alle anderen Figuren in dieser Szene. Dieses Setting demonstriert eindrucksvoll Hit Girls Überlegenheit (zumindest bis zu einem bestimmten Punkt).

Hit Girl ist noch ein Kind, das aufgrund seiner Größe von den Gegner oft unterschätzt wird. Vaughn hebt sie nicht nur durch ihre Handlungen heraus, sondern auch durch seine Regie. Das wird nicht nur in der Kryptonite-Szene deutlich, sondern auch in der berühmten Szene in Frank D’Amicos Appartement. Anders als bei Harry Hart in der Church Scene folgt die Kamera Hit Girl in dieser Szene nicht. Vielmehr nimmt die Kamera die Position von Hit Girls Gegnern ein, auf die sie zuläuft oder an denen sie vorbeirauscht. Mehrmals fängt die Kamera Hit Girl aus der Froschperspektive ein, um zu zeigen, dass ihre körperliche Größe keine Rolle spielt, wenn es um ihre Kraft und ihre Gefährlichkeit geht.

Matthew Vaughn: kleine Auswahl, große Hoffnungen

Letztlich sind es viele Einzelheiten, die diese Actionszenen für mich so sehenswert machen und sicher ist all das nicht allein Matthew Vaughns Verdienst. Allerdings gilt er durchaus als sehr involvierter Regisseur, auch in Bereichen wie Effekten und Musik. Er setzt auf eingespielte Teams und bei Kick-Ass und Kingsman handelt es sich um Comicverfilmungen von Mark Millar. Meines Erachtens nach ist Vaughns frühere Zusammenarbeit mit Guy Ritchie nicht von der Hand zu weisen, beide haben einen ähnlichen, originellen Stil. Vaughn setzten diesen für mich bisher etwas sauberer und ansprechender um. Da sich meine Meinung allerdings bloß auf bescheidene drei Filme bezieht, bleibe ich gespannt und warte ab, was uns dieser Regisseur in Zukunft noch bieten wird.

Was denkt ihr über Matthew Vaughn als Actionregisseur? Welche (außergewöhnlichen) Actionfilme oder -regisseure könnt ihr mir empfehlen?

Ein Gedanke zu „Was Matthew Vaughn zu einem guten Action-Regisseur macht

  1. Stepwolf sagt:

    „Free Bird“ funktioniert bei mir immer gut in Kombination mit Filmszenen. Spontan fällt mir die „Forrest Gump“ Balkon Szene ein und ein Staffelfinale (frag jetzt bitte nicht welche) von der Serie „Californication“, die ja sowieso ziemlich coole Songs verarbeitet.

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