NFL American Football #takeaknee

#takeaknee – Sportler knien nieder, ein Präsident rastet aus

Wer die sozialen Medien, insbesondere Twitter, in den letzten Tagen aufmerksam verfolgt hat, der ist vielleicht über einen Hashtag gestolpert, der für Aufsehen gesorgt hat: #takeaknee. Worum geht es dabei und wie hat das Ganze angefangen?

Vor #takeaknee: Wie alles begann

Alles startete im Sommer 2016, also vor über einem Jahr. Damals gab es den Hashtag #takeaknee noch nicht. Es gab bloß einen Quarterback in der NFL, also der amerikanischen Profiliga für American Football. Dieser Quarterback heißt Colin Kaepernick, spielte in der Saison 2016 für die San Francisco 49ers und weigerte sich während eines Testspiels in der Preseason, für die amerikanische Nationalhymne aufzustehen.

Eigentlich ist das kein Problem, denn die NFL-Spieler sind nicht dazu verpflichtet, während der Nationalhymne zu stehen. Das Reglement sieht vor, dass sie am Spielfeldrand anwesend sein müssen – und das übrigens auch erst seit 2009. Vorher wurde bei NFL Spielen weder die Flagge gehisst noch die Hymne gespielt. Denn eigentlich soll Football alles für die Amerikaner sein, nur eines nicht: politisch.

Colin Kaepernick war während der Hymne anwesend, aber er saß auf der Bank, während seine Teamkollegen am Spielfeldrand standen. Das wäre vielleicht nur halb so schlimm gewesen, wenn er sich nicht im Anschluss an das dritte Preseason-Spiel wie folgt erklärt hätte:

“I am not going to stand up to show pride in a flag for a country that oppresses black people and people of color, to me, this is bigger than football and it would be selfish on my part to look the other way. There are bodies in the street and people getting paid leave and getting away with murder.” (Quelle: NFL)

Kaepernick, das sei an dieser Stelle der Vollständigkeit halber erwähnt, ist schwarz. Mit seinem Sitzenbleiben protestierte er auf seine eigene Weise gegen den Rassismus, den die schwarze Bevölkerung in den USA immer noch erfährt, unter anderem in Form von Polizeigewalt.
In der Woche nach seinem Statement ging er einen Schritt weiter und blieb während der Hymne nicht einfach nur sitzen – er kniete sich hin. He took a knee. Sein Mitspieler Eric Reid tat es ihm gleich und auch Jeremy Lane vom gegnerischen Team (Seattle Seahawks) schloss sich dem friedlichen Protest an.

Eine Bewegung war geboren.

In den kommenden Wochen knieten sich immer wieder, nach meine Kenntnisstand ausschließlich schwarze, Spieler der NFL während der Hymne hin, um ohne Worte ihren Unmut auszudrücken. Spieler der Kansas City Chiefs und der New England Patriots streckten die Fäuste in die Luft, in Anlehnung an die Black Power Bewegung der 1960er Jahre. Damals streckten die Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos auf dem Siegerpodest der olympischen Spiele die Fäuste in die Luft, um auf ihr Anliegen und die Bürgerrechtsbewegung aufmerksam zu machen. Sie wurden danach vom Olympischen Komitee der USA nach Hause geschickt.

Colin Kaepernick erging es ganz ähnlich. Nach der Saison 2016 war er nicht länger Quarterback der 49ers. Man kann nun darüber streiten, ob dies nicht (auch) an seiner spielerischen Leistung hing, aber auffällig ist es doch, dass Kaepernick bis heute keinen neuen Verein gefunden hat. Im Sommer 2016 sagte er: „I am not looking for approval. I have to stand up for people that are oppressed. … If they take football away, my endorsements from me, I know that I stood up for what is right.“ (Quelle: NFL)

So reagieren Medien, Zuschauer und Politik auf #takeaknee

Die Reaktionen auf den Protest, den Kaepernick gestartet hat, gehen dabei sowohl in den Medien, als auch in den sozialen Netzwerken, weit auseinander. Während die einen das Niederknien während der Nationalhymne als respektlos empfinden, vor allem gegenüber Soldaten, Veteranen und Gefallenen, wertschätzen andere diese Forme des friedlichen Protests und berufen sich auf die Meinungsfreiheit. Fakt ist: Die Einschaltquoten der NFL sanken im Jahr 2016 und in einer Umfrage gaben 32% der Zuschauer an, wegen der Proteste weniger Interesse an den Spielen zu haben (Quelle: CBS Local).

Und plötzlich wurde American Football eben doch politisch. Das wurde Kaepernick von vielen vorgeworfen: Als Sportler solle er sich aus Politik raushalten. Aber es war nicht nur Kaep, der sich in die Politik einmischte – auch Politiker mischten sich in die Sache ein. Nicht irgendwelche Politiker, sondern der damalige US-Präsident Obama. Er verteidigt Kaepernicks Aktion: „I got to confess that I haven’t been thinking about football while I’ve been over here and I haven’t been follow this closely (…) But my understanding, at least, is that is he’s exercising his constitutional right to make a statement.” (Quelle: CNN)

Amerikanische Flagge

Photo by Andrew Ruiz on Unsplash

Zum Zeitpunkt von Kaepernicks Protest war der US-Wahlkampf bereits im vollen Gange. Und Kaep scheute sich nicht davor, sein Statement zu den beiden Kandidaten abzugeben, was darin endete, dass Kaepernick Donald Trump als „openly racist“ bezeichnete.

Trump reagierte umgehend und nicht besonders besonnen, aber das hätte wahrscheinlich auch niemand erwartet. Er riet Kaepernick, sich ein anderes Land zu suchen, in dem er sein „terrible thing“ durchziehen könne. (Quelle: CBS Sports)

In der ersten Hälfte von 2017 war es, zumindest in der deutschen Medienlandschaft, still um die Protestaktion, was wohl vor allem daran lag, dass die NFL-Saison im Februar endete. Und wir alle sowieso schon beschäftigt genug waren mit Donald Trump.

Disrespect the flag? – Protest unter Donald Trump

Aber vor kurzem begann die neue Saison und es dauerte nicht lange, bis sich erneut stiller Aktionismus regte – unter anderem als Protest gegen den rechtsextremen Anschlag von Charlottesville, bei dem eine Frau von sogenannten „white supremacists“ getötet wurde. Wir erinnern uns, Donald Trump stellte heraus, dass sich unter diesen Rassisten „some very fine people“ befänden.

Colin Kaepernick, wie gesagt, spielt nicht mehr in der NFL. An seine Stelle traten Spieler wie Michael Bennett (Seattle Seahawks) und mit Seth DeValve (Cleveland Browns) auch der erste weiße Spieler. Längst hat sich der Protest auch auf andere Sportligen ausgeweitet: College Football, National Women’s Soccer League und Major League Baseball. Und wahrscheinlich wäre ihr Protest so weitergegangen wie bisher – eine kleine Gruppe, die während der Hymne niederkniet, ein moderates Medienecho, ein paar, die es nicht mögen und ein paar, die es unterstützen.

Wenn, ja, wenn sich nicht der Präsident persönlich eingemischt und seine Meinung sehr deutlich gemacht hätte.


Trump betonte, dass der Protest “a disrespect” gegenüber der Flagge und dem Erbe der USA sei. Und obwohl die US-Amerikaner „freedom of choice and many, many different freedoms “ haben, betitelte er die am Protest beteiligten Spieler als “sons of bitches”, die unverzüglich gekündigt werden sollten.

Sons of Bitches. Das, werte Leser, hat der amerikanische Präsident über Sportler gesagt, die von ihrem Recht auf Meinungsfreiheit gebraucht machen. Über vornehmlich schwarze Spieler, die sich offen gegen Trumps Politik stellen. Über Sportler, die es wagten, Kritik zu äußern. Sons of Bitches.

Wir erinnern uns: die weißen Nationalisten in Charlottesville waren „some very fine people“.
Und man fragt sich unweigerlich: Hat Donald Trump nicht in diesem Moment eindrucksvoll bewiesen, dass Colin Kaepernick sich vollkommen zu Recht entschied, nicht für die amerikanische Hymne aufzustehen?

 

#takeaknee – virtuell und in real life

Der Protest nahm nach Trumps Rede eine neue Dimension an. Die Kritiker wurden, befeuert durch Trump, lauter. Trumps Argument auf Twitter lautete: Jemand, der das Privileg hat, in der NFL zu spielen und Millionen von Dollar zu verdienen, sollte sich gegenüber der Flagge, also dem Staat, nicht respektlos verhalten. Sport habe nichts mit Politik zu tun.

Gleichzeitig formte sich eben jener Hashtag, den wir in diesen Tagen so häufig sehen: #takeaknee. Virtuell gehen unzählige Menschen gemeinsam mit Kaepernick und Co aufs Knie und stehen ein gegen Rassismus, gegen Trump, gegen Polizeigewalt und andere Ungerechtigkeiten.

Und die Teams in der NFL? Nun, mittlerweile knien viele Spieler nieder, viel mehr als vorher, und vor allem auch weiße Spieler. Oder aber die Teams stehen gemeinsam, mit verschränkten Armen, auf dem Feld, um ihre Solidarität auszudrücken.

Oakland Raiders #takeaknee

Die Spieler der Oakland Raiders #takeaknee, Quelle: Shaun King

Andere Mannschaften, wie die Seattle Seahawks und die Tennessee Titans in Woche 3, kommen gar nicht erst aufs Feld zur Hymne.

„We will not stand for the injustice that has plagued people of color in this country. Out of love for our country and in honor of the sacrifices made on our behalf, we unite to oppose those that would deny our most basic freedoms“, sagten die Seahawks Spieler in einem Statement. (Quelle: CNN)

Keine Einigung in Sicht

Es zeigt sich also, dass der Zusammenhalt und der gemeinsame Protest in der NFL nach Trumps Attacke stärker geworden ist. Auch Trainer und Eigentümer unterstützen den Protest der Spieler. Die Zuschauer sind unterdessen weiterhin gespalten, aber eines sollte mittlerweile klar sein: Auch Sportler haben das Recht auf eine politische Meinung, denn auch sie sind Bürger eines Landes und wenn sie Ungerechtigkeiten wahrnehmen, haben sie jedes Recht, dagegen zu protestieren. Und gerade der Präsident eines Landes sollte das wissen.

Ich bin gespannt auf eure Meinungen in den Kommentaren!


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